Sarkar
Story
Gangster-Film von Ram Gopal Varma, Indien 2005, 124 Minuten.
Mit Amitabh Bachchan, Abhishek Bachchan, Kay Kay Menon u.a.
DVD (Kria/Yume), Hindi 5.1 mit engl. UT
Groß waren die Erwartungen: Die größte lebende Bollywood-Legende, Amitabh Bachchan, zusammen mit dem erstaunlichsten Shooting-Star der letzten zwei Jahre, Abhishek Bachchan (sein Sohn), auf der Leinwand, in einer Bearbeitung von Coppolas "Der Pate", unter der Regie des angesehensten Thriller-Regisseurs Indiens, Ram Gopal Varma.
Varma hatte letztes Jahr mit dem Tanzdrama "Naach" an Diwali kommerziell Schiffbruch erlitten und stand unter Erfolgsdruck.
Er hatte Glück: Die Kombination Vater und Sohn Bachchan, die bereits kurz vorher mit "Bunty aur Babli" den größten Hit des Jahres abgeliefert hatte, sorgte dafür, dass "Sarkar" (Stand: Mitte August 2005) auf Platz 2 der Bollywood-Jahrescharts vordringen konnte.
Inhalt:
Subhash Nagare, genannt Sarkar (Amitabh Bachchan) ist der Mann, zu dem man geht, wenn man Probleme hat, er "löst" sie für einen, auch mit Gewalt. Sein älterer Sohn Vishnu (Kay Kay Menon) lehnt zwar Sarkars Mittel eigentlich ab, nutzt aber die Macht des Vaters, um in Bollywood Einfluss auszuüben, sein jüngerer Sohn Shankar (Abhishek Bachchan) scheint mehr nach dem Vater zu kommen..
Kritik:
Irgendwas muss Ram Gopal Varma falsch verstanden haben.
Sicher, im schon in einer Vorspann-Tafel proklamierten Vorbild, Coppolas Meisterwerk "Der Pate" von 1972, gab es auch ruhigere Szenen, in welchen Männer im Halbdunkel in gemächlichem Duktus bedeutungsschwere Gespräche führten. Nur dienten in Coppolas Film diese retardierenden Momente als Kontrapunkt im Rahmen eines meisterhaft ausbalancierten Erzählflusses, in welchem sich ruhigere Passagen mit wilden Gefühlsausbrüchen, Maschinengewehr-Salven und Familienfeiern abwechselten. In Varmas "Sarkar" gibt es praktisch ausschließlich ruhige, gemächliche Gespräche im Halbdunkel. Fast zwei Stunden, bis zum Finale.
Es wird wohl ein Rätsel bleiben, warum sich Varma Coppolas "Pate" als Vorbild genommen hat und einem fast dreistündigen Film, der vor Energie und Vitalität nur so strotzte, einen gut zweistündigen Film gegenüberstellt, der mit bleiernder Gemächlichkeit und nicht enden wollenden Dialog-Szenen auch die Geduld gutwilliger Zuschauer auf eine Probe stellen dürfte. Auch, weil die Gespräche selbst nicht sehr interessant sind. Zum einen drehen sie sich praktisch ausschließlich um die beiden üblichen Topoi in Gangster-Filmen (sind die Fraktionen getrennt, werden Plänen gegeneinander geschmiedet, sitzt man zusammen, bedroht man sich) und zum anderen hatte Varma den Darstellern eine extreme Zurückhaltung auferlegt. Und das ist wirklich eine Schande. Da lässt er Amitabh und Abhishek Bachchan in einem Film zusammen auftreten und Big B sitzt ohne große Gefühlsregungen fast ausschließlich in seinem Stuhl als Don (ein Vergleich mit Brando ist deshalb müßig) und bei Sohn Abhishek kann man gar nicht glauben, dass das derselbe ist, der so vitale Rollen wie in "Yuva" und "Bunty Aur Babli" verkörpte. Bedauerlich ist auch eine große Distanz zu den zu mangelhaft charakterisierten Figuren, so dass einen deren Schicksal größtenteils kalt lässt und insbesondere das Erzählpotential durch die verschiedenen Söhne, auch einer der Glanzpunkte in Coppolas Film, nicht richtig genutzt wird. Die Nebenrollen sind mit schillernden Figuren besetzt, insbesondere ein Geistlicher und ein Gangster aus dem Süden wecken ein wenig Interesse, Frauen spielen keine große Rolle in dem Film.
Wie bei Varma üblich, wird auch hier und da etwas Kritik in die lose dem Vorbild entlehnte Handlung eingewoben, wobei ihm aber kein Zeit- und Sittengemälde wie bei Coppola gelingt, sondern er nur (mal wieder) Kritik am Mafia-Einfluss in Bollywood, korrupten Politikern und aufhetztenden Geistlichen übt, die zahm und aufgesetzt wirkt. Die Frage, ob Sarkar ein Gangster ist oder nicht, behandelt der Film auf eigenartig diffuse Weise.
Eine sklavische Kopie von Coppolas Film hatte Varma aber nicht im Sinn und so sind die Parallelen, Bezüge und Verweise zu "Der Pate" teilweise eher angedeuteter Natur. So beginnt "Sarkar" auch mit einer "Bitt-Szene" und endet mit einem Mord-Reigen und immerhin da erwacht der Film zum Leben. So fehlt ihm zwar die Brillanz der Parallel-Montage zwischen Taufe und Morden in Coppolas Original, exzellent inszeniert ist diesen Finale aber schon und bietet vor allem Abhishek Bachchan doch noch die Möglichkeit, etwas glänzen zu dürfen. In diesen Szenen spürt man viel von seinem Star-Potential.
