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Bombay

Story

Bildquelle:indiafm.com

Drama von Mani Ratnam, Indien 1995, 140 Min.
Mit Aravind Swamy, Manisha Koirala, Nazar u.a.
DVD (Ayngaran/UK), Tamil 5.1 mit engl. UT

"Bombay" stellt den mittleren Teil von Mani Ratnams politischer Trilogie dar, die anderen beiden Filme, hier bereits besprochen, sind der tamilische "Roja (1992)" und der auf Hindi gedrehte "Dil Se - Von ganzem Herzen (1998)".
Der auf Tamil gedrehte "Bombay" wurde nicht nur im Süden Indiens ein Hit, sondern, in einer Hindi-Synchro, auch im Norden, erlebte auch im Ausland einige erfolgreiche Festival-Einsätze, festigte Mani Ratnams Ruf als einer der besten Regisseure Indiens und gilt als einer der besten indischen Filme des letzten Jahrzehnts.
Da die weit verbreitete Hindi-Synchro einige der Sprachprobleme der Protagonisten zudeckt, wird hier das tamilische Original besprochen.

Inhalt:

In einem kleinen Dorf im Süden Indiens lernen sich Shekhar (Arvind Swamy), ein in Bombay arbeitender Journalist aus reicher Familie, und Shaila Bano (Manisha Koirala), Tochter eines armen, aber stolzen Zieglers, kennen und lieben. Als Shekhar um die Hand von Shaila anhält, sind beide Elternpaare entsetzt, denn Shekhars Eltern sind Hindus, Shailas Eltern sind Muslime. Da die Hochzeit in dem Dorf niemals wird stattfinden können, heiraten beide heimlich in Bombay...

Kritik:

Es ist schwierig, über diesen Film zu schreiben, ohne zu viel zu verraten.
Da aber inzwischen als bekannt voraus gesetzt werden darf, dass "Bombay" die religiösen Unruhen Anfang 1993 in Bombay thematisiert (die ausbrachen, nachdem radikale Hindus eine Moschee in Ayodhya niedergerissen hatten) und denen tausende von Menschen zum Opfer fielen, soll hier ruhig erwähnt werden, dass die obige Inhaltsangabe nur die erste Hälfte von "Bombay" wiedergibt, danach der Tonfall brutal umschlägt und die zweite Hälfte des Films in chaotischen, brutalen, düsteren und erschütternden Bildern von den religiösen Unruhen handelt.
Dabei fängt alles sehr harmlos und konventionell an, die sich entwickelnde Liebesgeschichte hat man so im indischen Film schon unzählige Male gesehen, und auch schon besser. Die aufblühende Liebe folgt nämlich eher den üblichen Plot-Konventionen und wirkt wenig überzeugend und nachvollziehbar. Dabei sind Tonfall und Stil bewusst einfach gehalten, man merkt hier nur wenig, dass einer von Indiens besten Regisseuren hier am Werk war. Die Songs sind am Anfang recht gefällig, zwar ist eine Liebesballade etwas lang und -atmig, dafür ist die Eröffnungsnummer aber sehr melodiös und ohrwurmtauglich. Wenn sich dann die Handlung weiter entwickelt und die beiden Väter aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen gegen die Heirat der beiden sind, wird das von Mani Ratnam teilweise konflitkträchtig, aber auch mit mildem Humor inszeniert, der die Sturheit der beiden desavouieren soll.
Die beiden Hauptdarsteller selbst erledigen ihre Arbeit hier ordentlich, ohne aber groß zu glänzen, auch wenn Manisha Koirala sich sichtlich wohler fühlt, als im späteren "Dil Se" und einen besseren Eindruck hinterlässt.
In Bombay angekommen, bleibt der Tonfall erstmal leicht und der Regisseur gönnt den Zuschauern noch eine knappe halbe Stunde zum durchatmen, die mit niedlich-witziger Komik durchsetzt ist und schließlich wird mit einem recht scheußlichen Song angedeutet, wodurch nachher die beiden Söhne des Paars entstanden sind. In diesem Teil des Films zahlt es sich auch besonders aus, wenn man die originale Tamil-Fassung statt der Hindi-Synchro sieht, denn die Synchro wird wohl sprachliche Feinheiten zudecken, wie die, dass die Heldin die Verwandten ihres Mannes mit dem tamilisch-südindischen "Wanakam" begrüßt und mit "Namaste" zurück gegrüßt wird.
Dann schlägt der Tonfall des Films um, wir haben den 6. Dezember 1992 erreicht, den Tag, an dem die Moschee in Ayodhya von Fanatikern nieder gerissen wurde. Dieses Ereigniss bebildert Ratnam mit Zeitungs-Schlagzeilen und dem mehr symbolischen Herausbrechen einiger Steine aus einer Kuppel. Unterlegt wird dieses mit einem Rhythmus, der an "We will rock you" von Queen erinnert; dieses Stück, das in den schlimmsten Passagen des Films immer wieder dann gespielt wird und einen krassen Gegensatz zu den Bildern aufbaut, entfaltet eine ungeheuer starke Wirkung und dient Ratnam für den Tonfall, den er in diesen und auch in allen folgenden Bildern der brutalen Unruhen anschlägt: Ratnam will nicht mit spekulativen Brutalitäten schockieren und auch kein "Guck mal wie schlimm"-Betroffenheitskino produzieren, sondern wütend anklagen, wobei er er, ohne auf allzuviele Übertreibungen zu setzen, durchaus teilweise an die Erträglichkeitsgrenze und auch darüber hinaus geht. Daber inszeniert er diese Szenen, die die gesamte zweite Hälfte füllen, mit großer Souveränität und Brillanz, ohne sich an der Inszenierung zu delektieren, und erreicht damit teilweise eine beklemmende Intensität und aufrüttelnde Wirkung.
Deshalb auch eine Warnung: Für zartbesaitete Zuschauer dürfte der Film nicht geeignet sein, auch wenn sich Ratnam auf der Bildebene allzu große Brtualitäten versagt (anders als der letztjährige "Dev"), ist insbesondere eine Szene, in welcher ein fanatisierter Mob die beiden Kinder von Shekhar und Shalia mit Benzin übergießt und anzünden will, nur schwerlich zu ertragen. Schlimmer wird es danach nicht mehr, trotzdem gibt es noch einige Szenen, wo einem vor Entsetzen der Atem stockt.
Nicht bei allen Zuschauern für Begeisterung wird der unübersehbar didaktische Anspruch und erhobene Zeigefinger Ratnams sorgen, der immer wieder durchscheint. Das fängt bei der schematischen Konstruktion an, die einen religiösen Keil exakt durch die Mitte der Familie der Helden treibt (selbst die Kinder heißen Kabir und Kamal!), und hört bei Songs mit Texten wie "Schluss mit dem Blutvergießen!" auf, die zwar ihre Wirkung nicht verfehlen, einem Publikum, dass sich nicht gerne bevormunden lässt, aber wohl nicht so gefallen werden.
Unsympathisch ist das allerdings nicht, genausowenig wie die Tatsache, dass sich Ratnam religiös nicht auf eine Seite stellt und beiden Seiten, stellvertretend durch einen hinduistischen und einen muslimischen Hassprediger, Kritik und Mitleid angedeihen lässt und für ein friedliches Miteinander der beiden Religionen wirbt.
Bemerkenswert auch, dass er zwischendrin immer wieder Raum für bewegende zwischenmenschliche Szenen, manchmal sogar Komik und zutiefst berührende Momente findet. Wenn der hinduistische Großpapa väterlicherseits den Enkel auf den Schultern hat, von ferne ein muslimischer Mob sichtbar wird und der Enkel dann bei Opa und sich die roten Punkte auf der Stirn wegwischt um zu verbergen, dass sie gerade von einer hinduistischen Feier kommen, und die beiden schließlich von dem muslimischen Vater mütterlicherseits gerettet werden, das ist sehr anrührend. Ohne dass Mani Ratnam allzu sehr auf Sentimentalitäten setzt, das tut er nicht und insbesondere im Finale hätten wohl viele seiner indischen Kollegen mehr auf die Tränendrüse gedrückt. Zwar hat man als Zuschauer auch bei "Bombay" teilweise mit den Tränen zu kämpfen, das wird aber, obwohl durchaus manipulativ gearbeitet wird, nicht forciert und liegt eher an der Entsetzlichkeit der bebilderten Ereignisse.
Technisch (insbesondere die brillante Kameraarbeit und Montage) und schauspielerisch ist das alles exzellent, die recht vielen Songs (A.R. Rahman) sind über das gesamte Qualitätsspektrum verteilt, von nervig bis exzellent, was auch für die Bebilderung der Songeinlagen gilt.

Souverän und brillant inszenierte, aufrüttelnde Anklage von Mani Ratnam gegen religiösen Fanatismus und Gewalt, die (für nervenstarke Zuschauer) eine ungeheuer starke, erschütternde Wirkung entfaltet. Ein sehr bemerkenswerter, sehenswerter Film und der mit Abstand beste aus der o.g. Trilogie